Wenn das Alte nicht mehr trägt – über Krise und Wandel
- verenawessel
- Jan 19
- 6 min read

Warum Krisen uns rütteln und durchschütteln und warum sie trotzdem Wendepunkte sein können.
In jeder Krise liegt eine Chance. Diesen Satz hast du vielleicht schon mal gehört. Er ist schnell daher gesagt, manchmal zu schnell. Und oft gar nicht so leicht auszuhalten.
Denn Krisen fühlen sich selten (in dem akuten Moment) nach Möglichkeit oder Chance an. Sie fühlen sich nach Verlust an. Nach Überforderung. Nach Kontrollverlust. Nach etwas, das nicht mehr funktioniert, im innerstes oder im Leben insgesamt. Beziehungen, die wackeln oder wegbrechen, Gewissheiten oder vermeintliche Sicherheiten, die sich auflösen. Sinnfragen, die sich auf drängen, obwohl wir vielleicht noch nicht mal danach gefragt haben. Nichts davon ist bequem. Nichts davon ist romantisch. Aber da steckt auch eine Kraft drin (die wir nicht unbedingt gutheißen müssen), die sich ihren Weg bahnt und nicht weiter gedeckelt oder verdrängt werden kann.
Eine Krise ist weiß Gott kein Wellnessretreat. Sie rüttelt an unserem Selbstbild, schüttelt an unserem Vertrauen und an dem, was wir bisher für sicher gehalten haben.
Was eine Krise eigentlich ist
Eine Krise ist ein Moment oder Momentum "der Unbestimmtheit und Möglichkeit, Ereignis von Freiheit aber auch Aufbrechen von Angst. Sie ist Versprechen, Drohung und Schwindel zugleich und in ein komplexes Netz verwoben" - Hilmar Schmiedl-Neuburg.
Das Wort Krise stammt vom altgriechischen krisis. Es bedeutet Entscheidung, Unterscheidung, Wendepunkt. In der antiken Medizin bezeichnete es den Moment, in dem sich im Krankheitsverlauf zeigte, ob Heilung möglich war oder nicht. Kein Dauerzustand. Kein Chaos um seiner selbst willen. Sondern ein Punkt, an dem sich etwas klärt.
Übertragen auf das Leben heißt das: Eine Krise ist der Moment, in dem alte Orientierungen nicht mehr tragen und neue noch nicht verfügbar sind. Ein Zwischenraum. Ein Zustand von Nicht-Wissen. Und genau das macht sie so herausfordernd. Und in weiterer Folge, wenn wir bewusst und/oder begleitet da durchschreiten aber vielleicht auch ein Stück weit befreiend.
Krisen sind keine Fehlfunktion des Lebens. Sie entstehen, wenn innere oder äußere Strukturen nicht mehr stimmig sind, wenn sich diese reiben oder wir uns innerlich reiben. Wenn etwas weiterläuft, obwohl es innerlich längst nicht mehr passt. Sie sind oft die Folge von zu langem Aushalten, Anpassen, Funktionieren.
Krise ist für mich kein negativ konnotierter Begriff. Sie beschreibt einen Zustand, in dem etwas Wesentliches in Bewegung geraten ist und nicht länger übergangen werden kann. Entscheidend ist nicht, ob wir in eine Krise geraten, sondern wie bewusst und selbstwirksam wir mit ihr umgehen.
Wandel beginnt selten freiwillig
Wandel wird gerne als bewusste Entscheidung dargestellt. Als mutiger Schritt, der gelobt wird, in ein neues Kapitel. In der Realität beginnt er häufig dort, wo es keine andere Option mehr gibt. Beginnt im stillen und ohne anfeuern von der Seitenlinie. Wandel beginnt dort, wo ein Lebensentwurf zu eng wird. Wo Rollen, Beziehungen oder innere Strategien ihre Funktion verlieren. Wo Funktion weg bricht. Nicht unbedingt aus Mut. Sondern aus Notwendigkeit.
Krisen machen diese Bruchstellen oder Sollstellen sichtbar. Sie zwingen zur Ehrlichkeit. Und das nicht unbedingt, weil wir besonders reflektiert durch die Welt laufen, sondern weil Verdrängung nicht mehr funktioniert. So geht es nicht weiter. Punkt. Oder sagen wir Ausrufezeichen!
Warum Krisen so verunsichern
Krisen konfrontieren uns mit Unsicherheit. Mit Leere. Mit dem Verlust von Kontrolle. Sie stellen Fragen, auf die es keine schnellen Antworten gibt: Wer bin ich, wenn das Alte wegfällt? Woran halte ich mich, wenn Sicherheiten bröckeln?
In einer Gesellschaft, die auf Stabilität, Leistung und Planbarkeit ausgerichtet ist, haben solche Zustände wenig Platz. Innehalten gilt schnell als Stillstand. Nicht-Wissen als Schwäche. Übergänge als Problem, das möglichst rasch behoben werden muss.
Doch genau hier liegt die Spannung oder auch Spannungsfeld, denn das, was uns in der Krise am meisten verunsichert, ist oft das, was Ent-Wicklung überhaupt erst möglich macht.
Krise ist nicht automatisch eine Chance
Es wäre unehrlich zu behaupten, jede Krise führe automatisch zu Wachstum. Das tut sie nicht. Manche Krisen hinterlassen Erschöpfung, Verletzungen, Verluste, die nicht einfach als sinnvoll oder tolle Chance eingeordnet werden können oder eingeordnet werden wollen. Oder noch nicht zu dem Zeitpunkt. Oder auch einfach nicht vom außen übergestülpt. Und die Annahme, dass Krisen immer Chancen sind oder sein müssen, ignoriert auch komplexe Lebensituationen und strukturelle Ungleichgewichte.
Und gleichzeitig, dürfen wir uns, wenn wir wollen und dazu Kapazität haben, uns unseren Krisen stellen. Und die Chance in der Krise ist kein Automatismus. Sie braucht Bedingungen oder einen gewissen Nährboden, damit es mehr wird als ein Zustand des Aushaltens. Und das nicht als Tool, sondern als innere Haltung und als gelebten Raum.
Wahrnehmung statt Betäubung
Krisen fordern zunächst etwas Unpopuläres: präsent bleiben. Nicht flüchten in Ablenkung, Aktivismus oder permanente Selbstoptimierung. Nicht alles sofort erklären oder verstehen wollen. Wahrnehmung bedeutet, auszuhalten, was sich zeigt, auch wenn es unbequem ist. Gefühle, Körperempfindungen, innere Bilder, widersprüchliche Impulse. Wahrnehmung heißt, nichts vorschnell wegzumachen. Nicht, um im Schmerz zu verharren, sondern um ihm überhaupt eine Sprache zu geben.
Unterscheidung statt Selbstverurteilung
Viele Menschen reagieren auf Krisen mit Härte gegen sich selbst. Mit inneren Diagnosen, Schuldzuweisungen, dem Gefühl, versagt zu haben. Unterscheidung bedeutet etwas anderes, den Blick für etwas anderes weiten zu könenn: zu erkennen, was gerade endet und was vielleicht nie wirklich gepasst hat. Anzuerkennen. Nicht alles, was zerbricht, ist ein persönliches Scheitern. Manches verliert einfach seine Haltbarkeitsdauer. Unterscheidung schafft Klarheit, nicht durch Bewertung, sondern durch differenziertes Hinsehen. Und liebevolles Wohlwollen dabei.
Zeit statt vorschneller Lösungen
Krisen folgen keinem effizienten Zeitplan. Sie lassen sich nicht optimieren oder abkürzen, ohne dass etwas Wesentliches verloren geht. Vorschnelle Lösungen beruhigen oft nur die Umgebung oder das eigene Sicherheitsbedürfnis. Zeit bedeutet hier nicht Passivität, sondern Reifung. Und aber auch ein: es darf unfertig bleiben. Unklar. Offen. Das ist schwer auszuhalten und gleichzeitig die Voraussetzung dafür, dass etwas Neues nicht nur gedacht wird.
Raum, in dem das Neue entstehen darf
Neues entsteht nicht im gleichen inneren Raum wie das Alte. Es braucht Weite. Abstand. Manchmal auch Leere. Ein Raum, in dem nicht sofort entschieden werden muss, wer man jetzt sein sollte. Dieser Raum entsteht selten von selbst. Er braucht bewusste Unterbrechung, Spiegelung, einen Rahmen, der trägt, ohne zu drängen. Ohne diesen Raum wird Wandel oft nur zur Wiederholung alter Muster in neuer Verpackung.
Verkörperung, weil Wandel nicht im Kopf beginnt
Wandel ist kein rein mentales Geschehen. Der Körper ist meist der erste Ort, an dem Übergänge spürbar werden. Unruhe, Erschöpfung, Spannung, veränderter Atem, diffuse Symptome ohne klare Ursache. All das sind keine Störungen, sondern Ausdruck innerer Prozesse, die noch keine Sprache gefunden haben. Der Körper reagiert, wenn etwas nicht mehr stimmig ist. Ihn einzubeziehen bedeutet, den Wandel nicht zu kontrollieren, sondern ihn zu bewohnen. Verkörperung bringt Tiefe, Erdung und Realität in Prozesse, die sonst abstrakt bleiben würden.
Erst wenn diese Ebenen zusammenspielen, also Wahrnehmung, Unterscheidung, Zeit, Raum und Verkörperung, kann eine Krise zu einem echten Wendepunkt werden. Nicht im Sinne von "alles wird gut", sondern vielleicht im Sinne von: etwas wird wahrhaftiger.
Wandel als natürlicher Prozess
In der Natur gibt es keinen Wandel ohne Auflösung. Keine Raupe ohne den Moment, in dem sie aufhört, Raupe zu sein. Kein Frühling ohne Winter. Wandel verläuft zyklisch, nicht linear. Etwas stirbt, damit etwas anderes entstehen kann.
Für uns Menschen gilt das Gleiche. Krisen markieren Schwellen zwischen Lebensphasen. Sie sind keine Abweichung vom Weg, sondern Teil eines lebendigen Lebens. Unbequem, fordernd, manchmal schmerzhaft und dennoch notwendig.
Prozessbegleitung im Spiegel der Natur
Prozessbegleitung setzt genau hier an. Nicht um Krisen schnell zu lösen, sondern um sie bewusst zu durchschreiten. Um Übergänge nicht zu übergehen. Um dem Zwischenraum Raum zu geben.
Im Spiegel der Natur wird Wandel erfahrbar. Nicht als Konzept, sondern als gelebter Prozess. Die Natur bewertet nicht. Sie beschleunigt nicht. Sie zeigt, was ist. Sie wird zum Resonanzraum für das Eigene. Für das, was endet, und für das, was neu entstehen will. Prozessbegleitung bedeutet dabei, diesen Weg nicht allein gehen zu müssen. Gehalten, gespiegelt, gemeint. Begleitet und bezeugt. Ohne Abkürzungen. Ohne Schönreden. Aber mit der Möglichkeit, in der Krise nicht einfach nur zu überleben, sondern sich neu auszurichten. Ehrlicher, stimmiger, verkörperter.
Krise ist kein Gegenpol zum Leben. Sie gehört zu ihm. Ist ein markanter Teil von ihm. Sie markiert jene Momente, in denen etwas Wesentliches nicht länger übergangen werden kann. Wer bereit ist, Übergänge nicht zu verkürzen, sondern ihnen Raum zu geben, begegnet darin oft nicht schnellen Antworten, sondern einer tieferen Ausrichtung. Oder auch manchmal noch direkter: Punkte, an dem das Leben innehält und eine Entscheidung einfordert. Jetzt!
Genau hier setzt Prozessbegleitung an: als begleiteter Weg durch Wandel, durch Schwellen und durch das, was sich neu formt. Als Begleitung in Lebenskrisen. An Stellen von Sinnkrisen. Auf der Sinnsuche. Als Begleitung von Übergängen. Wenn du dich an einem Wendepunkt befindest und diesen nicht allein durchgehen willst, findest du in meiner Prozessbegleitung, sowie in WANDELWESEN ein Raumangebot für ehrlichen, verkörperten Wandel.






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