Unverfügbarkeit - Zugang statt Zugriff
- Aug 2
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Ich hab mein Handy diesen Sommer öfter ausgehen lassen. Beiseite gelassen. Auf Spaziergängen nicht mitgenommen. Und das tat gut. Und dennoch war der manchmal dieser Zug nach dem Handy, das Handy doch wieder aufzuladen oder anzuschauen. Dieses reflexhafte Wieder-verfügbar-Machen oder erreichbar sein. Selbst im Urlaub. Puh, das sitzt irgendwie tief.
Wir haben uns die Welt verfügbar gemacht. Jeden Menschen erreichbar, jede Information sofort, jeden Moment speicherbar. Hartmut Rosa nennt das den Drang nach Zugriff und sagt: genau das macht die Welt stiller. Nicht weniger voll. Stiller. Weil eine Welt, die wir vollständig im Griff haben, keine Welt mehr ist, mit der wir noch im Dialog stehen. Sie antwortet uns nicht mehr. Sie liegt nur noch da, abrufbar.
Ich hab einem Sonnenuntergang zugeschaut und dann mein Handy rausgeholt, um ihn festzuhalten. Und genau in dem Moment war ich nicht mehr bei ihm. Ich hatte ihn gesichert und gleichzeitig verloren.
Und das ist der Unterschied, um den es mir eigentlich geht: Zugang ist etwas anderes als Zugriff.
Zugriff heißt: ich hole mir etwas. Ich bestimme wann, wie oft, wie lange. Zugang heißt: ich mach mich verfügbar dafür, dass mir etwas begegnet ohne zu bestimmen, ob und wann. Das eine ist ein Greifen. Das andere ein Sich-Öffnen.
Ich seh das ständig auch in meiner Arbeit. Jemand kommt mit dem Wunsch, mehr Zugriff auf sich selbst zu haben, den eigenen Körper mehr verstehen, mehr kontrollieren, mehr wissen, was da los ist. Und die eigentliche Bewegung ist fast immer eine andere: Zugang zuzulassen. Dem Körper zu begegnen, statt ihn zu analysieren. Auszuhalten, dass sich etwas zeigt, ohne dass man es sich holt.
Ich glaube, dahinter steckt oft eine ganz einfache Logik: Verfügbarkeit beruhigt. Wenn ich jederzeit Zugriff habe, kann mir nichts passieren, das ich nicht kommen sehe. Das gilt fürs Handy genauso wie für uns selbst. Der Griff zum Ladekabel, bevor der Akku überhaupt leer ist, nicht weil ich das Handy gerade brauche, sondern weil Verfügbarkeit selbst schon beruhigt.
Resonanz, als dieser Moment, in dem uns etwas wirklich berührt und wir danach nicht mehr ganz dieselben sind, lässt sich aber nicht herstellen. Man kann sie nicht bestellen. Man kann nur aufhören, ihr im Weg zu stehen. Das war meine Übung diesen Sommer: den Ameisen zuschauen, minutenlang, ohne Zweck. Nichts draus machen. Nicht dokumentieren, nicht teilen, nicht mal für mich einordnen. Es war einfach nur da, und ich war einfach nur da.
Und das ist keine Urlaubsfrage. Es fängt nicht auf Samsø an und hört auch nicht dort auf. Es fängt an, wenn ich morgens meinen Kaffee trinke, bevor ich zum Handy greife. Wenn ich mit jemandem spreche und aushalte, nicht sofort zu verstehen. Wenn ich fünf Minuten aushalte, dass gerade nichts passiert.
Die Frage, die mich seither begleitet, ist deshalb keine, die mit dem Ende der Pause verschwindet: Wo in meinem Alltag greife ich mir etwas, das ich eigentlich nur zulassen müsste?




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